Die Exkursion nach Hagen am 8. Juni widmet sich dem Wirken von Karl Ernst und Gertrud Osthaus. Beide verfügten über ein großes ererbtes Vermögen und begannen früh, Kunstwerke und kunstgewerbliche Objekte zu sammeln, Karl Ernst Osthaus zudem naturwissenschaftliche Objekte, vor allem eine umfangreiche Sammlung von Schmetterlingen. Er machte den provinziellen Industrieort Hagen für zwei Jahrzehnte zu einem Leuchtturm der frühen modernen Kunst in Deutschland. Osthaus begann zunächst mit dem Sammeln konventioneller akademischer Kunst. Als Student schloss er sich in Straßburg einer rechtsnationalistischen, antisemitischen und chauvinistischen Studentenvereinigung, dem Alldeutschen Verein deutscher Studenten, an. Entscheidende Wendemarke wurde für ihn ein Aufsatz des Kunstschriftstellers und deutschen „Kunstpapstes “ Julius Meier-Graefe über den Jugendstilarchitekten-Designer Henry van de Velde nach dessen Ernennung zum Direktor der Weimarer Kunsthochschule. Der Aufsatz änderte umstürzend Osthaus‘ Ansichten von Kunst und Kunstgewerbe. Er beriet sich seitdem nicht nur mit van de Velde über den Bilderankauf, sondern beauftragte ihn auch mit dem Bau seiner Stadtvilla und dem Innenausbau des im Äußeren gerade im historistischen Stil entstehenden Museums bei der Hauptkirche Hagen, der Marienkirche, und gewann andere bedeutende Künstlerinnen und Künstler dafür, eine Zeit lang in Hagen zu wirken. Den Brunnen in der Eingangshalle schuf der flämische Jugendstilbildhauer Georg Minne. Erworben hatte Osthaus ihn schon zuvor. Den Vortragssaal gestaltete der Architekt Peter Behrens, von dem im Folgenden noch mehr zu erfahren ist.

Karl Ernst Osthaus, Gemälde von Ida Gerhardi (1903) Quelle: Wikipedia / Osthausmuseum

Karl Ernst Osthaus, Gemälde von Ida Gerhardi (1903)
Quelle: Wikipedia / Osthausmuseum

Das Museum erlangte rasch Berühmtheit. Bei seiner Villa sollte eine Gartenstadt entstehen, es kam jedoch nur zu einer Reihe von Gebäuden für einige der nach Hagen gekommenen Künstlerinnen und Künstler. Auch sozialpolitisch wurde Osthaus aktiv und unterstützte, u. a. in Zusammenarbeit mit dem sozialpolitisch ausgerichteten Hagener Oberbürgermeister Willi Cuno (1901 – 1927), die Errichtung von zwei Arbeiterkolonien, der Siedlung im Wasserlosen Tal und der Cunosiedlung.

Zur Förderung der Kunst und des Kunstgewerbes gründete Osthaus in Hagen auch eine Malschule, eine Kunstfertigkeits- (Kunstgewerbe-)Schule, die Hagener Silberschmiede und das Museum für Kunst in Handel und Gewerbe. Mit seinem Einsatz für die künstlerische Qualität kunstgewerblicher Produkte wurde Osthaus einer der Ersten, die den Anspruch auf kunstgewerbliche Produkte als Teil der Kunst erhoben haben. Er wurde auch ein Gründungsmitglied des Deutschen Werkbundes, der 1907 in München von Architekten, Designern und Künstlern gegründet worden ist und in dem er Einfluss gewann. Zu den Mitbegründern gehörten auch van de Velde und Peter Behrens. Diesen Architekten, der anfangs als Jugendstilarchitekt, vor allem aber als Architekt der frühen Moderne, als Industriedesigner und Maler berühmt wurde, holte Osthaus auch nach Hagen, wo er das Krematorium erbaute nach dem Vorbild der Kirche San Miniato al Monte oberhalb von Florenz, die Wände in schwarzweißen geometrischen Mustern. Das Krematorium entstand noch vor der Deutschen Botschaft in Sankt Petersburg und der Siemensturbinenhalle in Berlin, die als herausgehobene Ikonen der frühen architektonischen Moderne gelten. Auch das Hagener Krematorium ist eine solche Ikone der modernen Architektur, kann aber in das Besichtigungsprogramm nicht aufgenommen werden.

Beim Hohenhof sollte Behrens eine Reihe von Villen bauen. Drei konnte er realisieren, darunter die Amtsvilla für den Oberbürgermeister Cuno. Bei zwei dieser Villen assistierte Walter Gropius. Diesen hatte Osthaus in jungen Jahren in Andalusien kennengelernt, wo beide Azulejos, Fliesen mit Mustern arabischer Herkunft, sammelten. Osthaus gab dem jungen Walter Gropius die ersten Bauaufträge und war entscheidend beteiligt an dessen Ernennung zum Direktor des Bauhauses. Die enge Freundschaft spiegelt sich in dem bis zum
Tode von Osthaus dauernden Briefwechsel, der unlängst publiziert worden ist. Es geht darin meist um Alltägliches, die Briefe, in den letzten Jahren per „Du“, zeigen aber die Vertrautheit der beiden. Weitere neun Wohnhäuser ließ Osthaus bei seiner Villa durch den niederländischen Architekten und Anhänger der Theosophie Lauweriks errichten. Diesen hatte er 1910 nach Hagen geholt als Leiter von Silberschmiede und des von Osthaus initiierten staatlichen Handfertigkeitsseminars. Seine Schüler waren zuvor in Düsseldorf Behrens, Gropius und Le Corbousier. Als der Hagener neobarocke Hauptbahnhof errichtet wurde, gewann Osthaus für dessen riesiges Fenster der Eingangsfront den niederländischen Künstler Jon Thorn Prikker.

Es hat den Zweiten Weltkrieg überstanden und verschafft dem Bahnhof bis heute Berühmtheit. Es soll bei der Exkursion besichtigt werden. Prikker wohnte einige Jahre in einem der von Osthaus in Auftrag gegebenen Wohnhäuser. Für einen Skandal sorgten die nackten, grob behauenen und anatomisch verzerrten Figuren in der Front des Stadttheaters. Osthaus hatte für die Figuren die Bildhauerin Milly Steger gewonnen. Das Theater selbst wurde von dem Architekten Ernst Vetterlein nach dem Vorbild eines dorischen Tempels entworfen. Er lehrte in Darmstadt und Hannover und schloss sich 1933 dem Nationalsozialismus an. Die Fassadenfiguren können voraussichtlich kurz besichtigt werden.
In Osthaus‘ Wirken zeigen sich starke Spannungen. Er war Anhänger des Kolonialismus und der Ansicht, der nordafrikanische Raum warte geradezu auf die Veredelung durch die deutsche Kultur. Andererseits war er fasziniert von der arabischen wie auch von der japanischen Kultur und erwarb seit jungen Jahren auf seinen Reisen nach Nordafrika und in den Vorderen Orient eine umfangreiche Sammlung von künstlerischen und kunstgewerblichen Objekten. Seine Sammlung islamischer Objekte ist ebenfalls die weltweit erste museale Darbietung. Osthaus zeigte in Ausstellungen auch afrikanische Kunst. Er war ein deutscher Chauvinist und gegen die französische Politik eingestellt, machte aber entscheidend die impressionistische und nachimpressionistische französische Kunst in Deutschland bekannt, erwarb etwa Werke von Rodin. Als einzige Deutsche besuchte das Ehepaar Auguste Renoir, der ein Portrait von Gertrud Osthaus malte. Sie war dann  noch einmal bei dem greisen Renoir als letzter Besuch vor seinem Tod.

Nicht nur der Kunst, auch den Naturwissenschaften galt Osthaus‘ Interesse. Mittelpunkt seiner naturwissenschaftlichen Sammlung war die Schmetterlingssammlung, die erhalten ist, aber ohne wissenschaftlichen Wert, da die konkreten Angaben der Fundzeiten und Fundorte fehlen. In der starken Farbigkeit der Flügel sah Osthaus Bezüge zur modernen Kunst.

Dem schwer behinderten expressionistischen Maler Christian Rohlfs bot Osthaus 1902 eine Wohnung im neuen Museum an. In dieser lebte und wirkte Rohlfs bis zu seinem Tod 1938. Er wurde Ehrenbürger der Stadt, eine Straße wurde nach ihm benannt, 1937 aber wurde sein Werk als „entartet“ verfemt. Etwa 450 seiner Arbeiten aus dem Museum wurden beschlagnahmt. Das Museum hat heute aber wieder 700 Arbeiten des Künstlers im Bestand, darunter wundervolle Gouachen mit Blumenstillleben. Als Osthaus 1922 starb, hatte die Stadt mitten in der Inflationszeit keine Mittel für die Übernahme des Museums. Der Kunstbestand ging nach Essen, ebenso hunderte islamische und spanische Fliesen und Keramikgefäße. Diese sind noch dort im Bestand, nicht aber die Masse der Bilder und Graphiken. 1937 wurden in Essen 12.367 Kunstwerke als „entartet“ beschlagnahmt, ein Großteil wurde offenbar vernichtet. Heute hat das Essener Folkwang nur wenige Werke aus Hagen. Viele andere Objekte aus Osthaus‘ Sammlungen sind weit verstreut erhalten.

Die kunstgewerbliche Sammlung ging an das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld, zu dessen Kernbestand es noch heute gehört. Hagen fiel in Sachen Kunst und Architektur wieder in eine eher provinzielle Rolle zurück. Die Bürgerschaft hatte die von Osthaus installierte Moderne zu seinen Lebzeiten ohnehin vehement abgelehnt. Als Ersatz für das Folkwang wurde von der Stadt 1932 die Villa Post unweit des Bahnhofs eingerichtet. Das 1955 wiedererstandene Osthausmuseum wurde durch einen großen Anbau im brutalistischen Sichtbeton-Stil erweitert, und mit dem Museum baulich verbunden ist seit 2009 das Emil-Schuhmacher-Museum. Emil Schuhmacher ist einer der international prominentesten Maler des abstrakten Informel gewesen.

Fazit: Karl Osthaus ist ein zeitgebundener, aber wirkungsmächtiger Organisator, Gründer, Stifter, Arbeitgeber, Inspirator, Publizist von entscheidender Bedeutung für die deutsche frühe Moderne in Kunst und Architektur gewesen.

Informationen zum Programm:

Organisatorische Leitung: Marianne Moser
Führungen: Ortskräfte und Klaus Hohmann

Abfahrt: 8. Juni um 8.00 Uhr Liboriberg/Ecke Liboristraße;
8.05 Bahnhof, Busparkplatz
Rückkehr: ca. 19.15Uhr
13.00 Uhr-14.00 Uhr Mittagessen im Kolpinghaus in unmittelbarer Nähe des Museums
16.15 Uhr-17.15 Uhr Kaffee trinken voraussichtlich im Café Stich im Stadtzentrum bei der Stadtsparkasse

Anmeldungen bis Donnerstag, 6. Juni 2024 , schriftlich oder telefonisch nur bei der Vereinsgeschäftsstelle, Pontanusstr. 55 (Stadt- und Kreisarchiv), 33102
Paderborn, Tel.: 05251/88-11598. Teilnahmegebühr 28 Euro für Mitglieder, 30 Euro für Nichtmitglieder (gegen Abbuchung). Die Kosten für Mittagessen und
Kaffeetrinken sind selbst zu tragen.